By Helena Karczewska

Edited by Nina Mulder

Ob Sprache unser Denken beeinflusst, ist unter Linguisten und Kognitionswissenschaftlern ein kontroverses Thema. Befürworter der Sapir-Whorf-Hypothese behaupten, dass die Sprache ein Wegweiser sei und unsere Eindrücke und Erfahrungen von der Versprachlichung bereichert, aber auch eingeschränkt werden können. Was spricht also für diese These? 

Versteckte Features 

„Pass auf! Da ist eine Wespe nordwestlich von dir!“ Hä? Kaum hilfreich diese Vorwarnung und bevor man sich in alle Richtungen umgesehen hat, panisch mit den Augen zuckend, um den Prozess vergebens zu beschleunigen, verspürt man ein kleines Piksen am Oberarm und das Insekt ist längst verschwunden. Ein schlechter Orientierungssinn ist eben eines der unzähligen Dinge, in denen wir Menschen den Tieren unterlegen sind; das war früher die einheitliche Meinung der Wissenschaft.  

Diese These wurde vor einigen Jahren jedoch widerlegt, als die besonderen Merkmale der Thaayorre Menschen entdeckt wurden. Das Aborigine Volk Australiens teilt sich die Welt nämlich nach Himmelsrichtungen ein. „Links“ und „rechts“ existieren in der Kuuk Thaayorre Sprache nicht, stattdessen verfügt das Volk über sechzehn Wörter für das Einteilen von Richtungen. Da sie stetig orientiert bleiben müssen (anstatt „Hallo“ verraten sich die Thaayorre lieber in welche Richtung sie gehen), haben diese Menschen einen inneren Kompass entwickelt und können instinktiv erahnen, wo Norden und wo Westen sind.  

Illustration by Olivia Adams

Das räumliche Denken der Thaayorre beeinflusst ebenfalls, wie sie über die Zeit denken. Das Volk ordnet zeitliche Verläufe ausschließlich von Osten nach Westen ein, ganz unabhängig davon, in welche Richtung sie gerade blicken. Für den Rest der Welt verläuft die Zeitachse im Verhältnis zum eigenen Körper; drehen wir uns, tut sie uns nach. Interessant ist aber, dass die Richtung, in der wir schreiben, unsere Wahrnehmung der Zeit zu beeinflussen scheint: von links nach rechts für den Großteil der Welt, doch von rechts nach links für arabische Länder und wiederum von oben nach unten für die Mongolei und einige Nachbarländer. 

Verzerrte Wahrnehmung 

Nicht nur kann Sprache unsere Sinne verschärfen, sie beeinflusst auch unsere Wahrnehmung. Im Russischen gibt es zwei verschiedene Wörter für hell- und dunkelblau. Da die Russen sich immer zwischen einem Farbton entscheiden müssen, schließlich können sie nicht schlichtweg „blau“ sagen, unterscheiden sie Hellblau und Dunkelblau viel schneller als beispielsweise Englischsprecher. Diese haben wiederum einen Vorteil gegenüber Muttersprachlern einiger asiatischen Sprachen (Vietnamesisch, Japanisch, Koreanisch), die lange Zeit blau und grün nicht differenzierten.  

Ein weiteres Beispiel zeigt, wie Sprache unsere Erinnerung trüben kann. Wenn ein Missgeschick versehentlich geschieht, neigen Spanischsprecher dazu, den Täter gar nicht zu nennen und stattdessen das Passiv zu benutzen: „Die Vase hat sich zerbrochen“ anstatt „sie hat die Vase zerbrochen“. Als Zeugen eines Unfalls vergessen Spanier einen unschuldigen Täter viel schneller als Engländer, sogar wenn sie den Satz nicht laut ausgesprochen haben. Dies verdeutlicht, wie stark unsere Wahrnehmung von der Art und Weise abhängt, wie wir unsere Gedanken formulieren. 

Gendersprache 

Die Kategorisierung von Objekten trägt dazu bei, welchen Eindruck sie auf uns machen. Beispielsweise bestimmt das grammatische Geschlecht, ob ein Gegenstand eher maskulin oder feminin auf uns wirkt. Der Schlüssel im Deutschen wird als hart, schwer und zackig beschrieben, wobei la llave von Spanischsprechern eher mit filigran, zart und glänzend in Verbindung gebracht wird. Das Gegenbeispiel funktioniert genauso: Die Brücke ist fragil, elegant und schlank, wohingegen el puente eher mit Attributen wie stark, stabil und lang verknüpft wird. Einerseits zeigt dies, wie die Sprache unsere Wirklichkeit manipulieren kann, andererseits ist es ein Beweis dafür, mit wie vielen Stereotypen Männer und Frauen im Alltag zu kämpfen haben.  

Einige Sprachen gehen sogar einen Schritt weiter. Im Japanischen benutzen Frauen und Kinder teilweise anderes Vokabular als Männer, den sogenannten Genderlect. Die Wurzeln der onna kotoba (Wörter für Frauen) sind bis zum achten Jahrhundert zu datieren und waren ein Zeichen von Unschuld und Unbedarftheit der Frauen gegenüber Männern. Heutzutage wird der Genderlect nicht mehr so strikt verfolgt, dessen Verwendung zeugt jedoch von guten Manieren und Eleganz. Frauen sollen abschwächende Ausdrücke, wie „bitte“ und „wir beide wissen“ in ihren Wortschatz mit einflechten und Wörter benutzen, die formeller und somit höflicher klingen. Statt „Abendessen“ sagen Frauen, „Abendmahl“; „hinsetzen“ wird mit „niederlassen“ ersetzt. Obwohl beide Wörter das Gleiche bedeuten, gehen sie mit verschiedenen Geschlechtern des Sprechers einher. Was im Deutschen ein neutrales Wort ist, kann im Japanischen mit unzähligen Vorurteilen und Stereotypen verknüpft sein. 

Ob diese Beispiele tatsächlich Beweise dafür sind, dass Sprache unser Denken verändert, bleibt jedoch umstritten. Manche Linguisten behaupten, dass nicht die Sprache uns beeinflusst, sondern die geistigen Angewohnheiten, die uns in unserer Kultur anerzogen werden. Die Sprache soll bloß ein Werkzeug sein, das manche Gedankensprünge begünstigt, nicht jedoch unsere Wirklichkeit verändert. Bislang wurde noch keine Methode gefunden, welche die Sprache isolieren und ohne den Einfluss von Kultur und Lebenserfahrungen untersuchen würde. So kann man lediglich vor sich hin rätseln und mit dem Gedanken spielen, welch anderer Mensch man wäre, spräche man eine andere Sprache. 

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